Bei aller Unterschiedlichkeit der soziologischen Perspektiven auf unterschiedliche Bereiche der Gesellschaft leistet sich die Soziologie ein Genre, das alle gesellschaftlichen Trends und Krisenphänomene auf eine einzige Ursache zurückführt und auf einen einzigen Begriff von Gesellschaft bringt: die Gesellschaftsdiagnosen.
Gesellschaftsdiagnosen gelten in der Soziologie als etwas anrüchig, vor allem auf Grund ihrer Nähe zu massenmedialen Darstellungsweisen Immerhin sind Monografien wie die „Risikogesellschaft“ oder die „Netzwerkgesellschaft“ Bestseller und werden weit über die Soziologie hinaus rezipiert. Zwar besteht im Fach Einigkeit darüber, dass es sich den Gesellschaftsdiagnosen weder um echte Gesellschaftstheorie noch um echte empirische Forschung handelt, sondern um ein eigenes Genre am Rand der Soziologie. Dennoch gibt es nur wenige Stimmen, die die Gesellschaftsdiagnosen ganz aus dem Fach verbannen wollen. Es ist vielmehr eine differenzierte soziologische Sekundärliteratur entstanden, in der auf unterschiedliche Weise die spezifischen Stärken und Schwächen dieses Genres herausgearbeitet werden.
Im ersten Teil des Seminars werden einige der bekanntesten Gesellschaftsdiagnosen behandelt, etwa Spielarten der zuspitzenden Beschreibung des Kapitalismus bzw. der Globalisierung oder die Risiko-, Erlebnis- und Netzwerkgesellschaft sowie die beschleunigte Gesellschaft. Im zweiten Teil des Seminars werden die wichtigsten Positionen aus der genannten soziologischen Sekundärliteratur zu den Gesellschaftsdiagnosen behandelt.
Viele Alltagstechniken zeichnen sich dadurch aus, dass sie Bestandteil sozio-technischer Konstellationen sind, die auf regelmäßig wiederkehrende Vorgänge des alltäglichen Lebens bezogen sind. Das gilt für Haushaltstechniken und Verkehrstechnik ebenso wie für Kommunikations- und Unterhaltungstechniken. Diese Techniken sind fest in den Alltag eingebaut, weil die wiederkehrenden Handlungen und Praktiken, in denen sie zum Zuge kommen, fest in den Alltag eingebaut sind, und weil ihre Nutzung deshalb häufig im Rahmen von Gewohnheiten und eingespielten Routinen erfolgt. Vor diesem Hintergrund stellt sich mit Blick auf KI-Chatbots folgende Frage: Wie kommt eine Technik in den Alltag, die nicht spezifisch auf irgendeinen der regelmäßigen Abläufe des alltäglichen Lebens bezogen ist, die aber verspricht, für eine unbestimmte Vielzahl alltäglicher Probleme nützlich sein zu können? Ziel der Lehrveranstaltung ist es, diese Frage zu diskutieren. Ausgehend von soziologischen Überlegungen zu Technik im Alltag sollen dazu erste Studien behandelt werden, die sich mit der Alltagsnutzung von ChatGPT und Co. befassen. Ergänzend sollen im Seminar kleine autoethnographische Studien der Seminarteilnehmer:innen zu dieser Frage durchgeführt werden.