Bemerkung
BA KulT Kuwi 3, 7, Freie Wahl
Inhalt
Vor 100 Jahren, im August 1919, eröffnete die legendäre „Galerie der Lebenden“ im Kronprinzenpalais gegenüber der Museumsinsel. Das Ende des Deutschen Kaiserreichs, das mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg und der Etablierung der parlamentarisch-demokratischen Republik besiegelt war, ebnete Ludwig Justi den Weg, in dem ehemals von den Hohenzollern genutzten Palais eine Dependance der Berliner Nationalgalerie für die Kunst des 20. Jahrhunderts einzurichten.
Anlässlich des Jubiläums setzen wir uns mit der bewegten Geschichte der Nationalgalerie und der eng mit ihr verflochtenen, konfliktgeladenen Musealisierung der Moderne im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert auseinander. Die umstrittene Erwerbung impressionistischer Werke unter Justis Vorgänger Hugo von Tschudi, dessen Zerwürfnis mit Kaiser Wilhelm II., die Kritik von Justis Gegnern an der Öffnung der Galerie für den Expressionismus am 1919 hinzugewonnenen Standort, mühselig vorangetriebene Umbau- und Erweiterungsprojekte in den nachfolgenden Jahren, aber auch die Auswirkungen der nationalsozialistischen Kulturpolitik auf das Museum sind einige unserer zentralen Themen.
Die Sitzungen werden teils im Seminarraum, teils im Stammhaus der Nationalgalerie stattfinden, um die widerstreitenden Ansprüche an die Institution nachzuvollziehen, die als nationaler Ruhmestempel gegründet und sich zu einem modernen Kunstmuseum entwickeln sollte. Die ab Mitte Oktober laufende Ausstellung „Kampf um Sichtbarkeit. Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919“ wird es zudem gestatten, eigens auf die Wechselwirkungen zwischen Sammlungs- und Künstlerinnengeschichte einzugehen und so auch die von politischen Entscheidungen, fachlichen Diskursen und persönlichen Interessen abhängige Kanonisierung moderner Kunst aus gendertheoretischer Perspektive zu diskutieren.
Hinweis: Die Teilnehmer*innenzahl ist auf 15 begrenzt. Anmeldungen für das Seminar erfolgen über ISIS.
Einführende Literatur:
- Prinz von Hohenzollern, Johann Georg, Schuster, Peter-Klaus (Hg.), Manet bis van Gogh: Hugo von Tschudi und der Kampf um die Moderne, Ausst.kat., Berlin 1996;
- Kuhrau, Sven, Rückert, Claudia (Hg.): Der deutschen Kunst. Die Berliner Nationalgalerie und nationale Identität 1876–1997, Amsterdam 1998;
- Kratz-Kessemeier, Kristine, Moormann-Schulz, Tanja (Hg.), Ludwig Justi - Kunst und Öffentlichkeit: Beiträge des Symposiums aus Anlaß ses 50. Todestages von Ludwig Justi (1876 -1957), Jahrbuch der Berliner Museen ; N.F., 52.2010, Beih.;
- Scholz, Dieter, Obenaus, Maria (Hg.), Die Schwarzen Jahre: Geschichten Einer Sammlung 1933-1945, Berlin 2015.