Bürokratie gilt seit den klassischen Diagnosen der Soziologie als zentrales Strukturprinzip moderner Gesellschaften. Sie steht zugleich für Rationalität, Berechenbarkeit und Gleichbehandlung wie auch für Inflexibilität, Überregulierung und Herrschaftsausübung. Vor diesem Hintergrund ist „Debürokratisierung“ seit Jahrzehnten ein prominentes Reformversprechen in Politik, Verwaltung und Organisationen. Zugleich mehren sich soziologische Diagnosen, die weniger von einem Abbau als von einer Transformation bürokratischer Steuerungsformen ausgehen – etwa durch Verrechtlichung, Managementtechniken, Evaluation, Digitalisierung oder Formen der Selbststeuerung.
Das Seminar setzt an dieser Spannung an und verfolgt das Ziel, Bürokratie, Verrechtlichung und (De-)Bürokratisierung als umkämpfte und theorieabhängige Diagnosekategorien zu ana-lysieren. Im Zentrum stehen klassische und aktuelle soziologische Theorieperspektiven, die Bürokratie nicht nur als Organisationsform, sondern als spezifische Rationalität, Herrschafts-form und Regierungstechnik begreifen. Dabei werden sowohl struktur- und organisations-theoretische als auch machttheoretische, rechtstheoretische und governancebezogene An-sätze behandelt.
Als fortgeschrittenes Lektüreseminar legt der Kurs den Schwerpunkt auf die kritische Ausei-nandersetzung mit theoretischen Argumentationen sowie auf den vergleichenden Einsatz unterschiedlicher Perspektiven. Zugleich verfolgt das Seminar einen expliziten Anwendungs-bezug: Im Verlauf des Semesters recherchieren die Teilnehmenden eigenständig empirische Fallbeispiele, die unter dem Label der Debürokratisierung verhandelt werden (z. B. Verwaltungsreformen, Digitalisierung, Steuerungsinstrumente in Bildung, Gesundheit oder Sozial-politik). Diese Fälle werden theoriegeleitet analysiert und im Rahmen abschließender Falldiskussionen gemeinsam reflektiert.
Das Seminar zielt damit nicht nur auf den Erwerb von Theoriekenntnissen, sondern auf die Fähigkeit, soziologische Perspektiven als analytische Werkzeuge einzusetzen, ihre Reichweite und Grenzen zu beurteilen und scheinbar selbstverständliche Reformnarrative kritisch zu hinterfragen.