Ausgangspunkt des Seminars ist die Beobachtung, dass gesellschaftliche Konflikte nach dem 7. Oktober nicht nur zu einer Zunahme antisemitischer und antimuslimischer Ressentiments geführt haben, sondern zugleich neue Formen solidarischer, dialogischer und nicht-polarisierender Praxis hervorgebracht haben. Im Mittelpunkt des Seminars steht eine theoretische und fallstudienorientierte Auseinandersetzung mit Antworten auf den Anstieg von Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus nach dem 7. Oktober. Im Fokus steht zunächst die theoretische Auseinandersetzung mit Konzepten wie Solidarität, Empathie, Ambiguitätstoleranz und Multiperspektivität sowie die Frage, ob und wie sie in angespannten gesellschaftlichen Kontexten sichtbar sind und praktisch wirksam werden können. Untersucht werden insbesondere jene Strategien von Akteur*innen und Gruppen, die gemeinsame, nicht-polarisierende Reaktionsformen entwickeln und sich bewusst gegen politische oder kulturelle Instrumentalisierungen stellen (z. B. Podcast „Zeit zu reden“, Initiative „Räume gegen Eskalation“ in Kooperation mit dem ZfA).
Die theoretische Arbeit wird ergänzt durch eine gemeinsame, induktive Analyse ausgewählter Fallstudien, die überwiegend auf von den Akteur*innen selbst produzierten Materialien beruhen: Reden, Video- und Bildmaterial, öffentliche Statements. Ziel ist es, Formen konstruktiver Beziehungsgestaltung unter Bedingungen gesellschaftlicher Spannung sichtbar zu machen und sowohl ihren symbolischen als auch praktischen Gehalt kritisch zu reflektieren – mit besonderer Aufmerksamkeit für die Bedeutung symbolischer Handlungen. Das Seminar versteht sich als explorativ-analytisch, nicht aktivistisch. Grundlage der Analyse bilden insbesondere wissenssoziologische Ansätze und bildhermeneutische Methodologien.
Einführende Literatur:
Arnold, Sina; Axster, Felix: Antisemitismus und Rassismus. In: Ulrich et al.: Was ist Antisemitismus? Begriffe und Definitionen von Judenfeindschaft. Göttingen 2024, S. 79–85,
Feldman, David; Volovici, Marc: Antisemitism, Islamophobia and the Politics of Definition. London 2023.
Illouz, Eva: Unter Opfern. In: Dachs, Gisela (Hrsg.): 7. Oktober. Stimmen aus Israel. Berlin 2024, S. 134–142.
Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) e. V.: Antisemitische Reaktionen auf den 7. Oktober. Berlin 2023.
Arnold, Sina; Kiefer, Michael: Instrumentalisierte Feindschaften. Antisemitismus in muslimischen Communities und antimuslimischer Rassismus. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 25–26, 2024, S. 25–30.
Gardei et. Al: Versöhnung. Theorie und Empirie. Göttingen 2023.
Gardei et Al.: Erinnerungspolitik im Zeichen von Ambiguitätstoleranz. Göttingen 2023.
Eastmond, M. (2010). INTRODUCTION: Reconciliation, reconstruction, and everyday life in war-torn societies. Focaal, 2010(57), 3-16.
Weitere Hinweise:
Die Bereitschaft zur Mitarbeit in kleineren Arbeitsgruppen (2–3 Personen) wird vorausgesetzt. Die Gruppen übernehmen im Rahmen der Fallstudien eigenständige Rechercheaufgaben, darunter die Auswertung von Materialien, die Durchführung kleinerer empirischer Erhebungen (z. B. leitfadengestützte Interviews) sowie – nach Absprache – Formen teilnehmender Beobachtung bei einschlägigen Veranstaltungen. Voraussetzung ist die Bereitschaft zur kooperativen Arbeitsweise sowie zur reflektierten Auseinandersetzung mit empirischem Material.
Bitte beachten Sie die Hinweise auf Isis! Das Seminar beginnt erst am 21. April, zuvor gibt es Lektüreaufgaben und Hinweise!“
Versöhnung als Provokation
Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA)
Gardei, Esther
Di. 21.04 - 14.07.26, wöchentlich, 18:00 - 20:00
Charlottenburg, KAI 1315
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