Herausfordernd? Das architektonische Erbe der Nachkriegsmoderne
VL
Prof. Dr. Kerstin Wittmann-Englert
BA/MA
BA KuWi 3, MA KuWi 2, MA KuWi 4, MA FW
Dienstag, 14.15-15.45 Uhr
HL 001, außer am 16.06.: online
Die Architektur zwischen 1945 und 1989 wird heute zunehmend als eine in sich abgeschlossene, höchst heterogene Epoche begriffen. Entgegen der oft kolportierten „Stunde Null“ markiert der Beginn dieser Ära keineswegs einen radikalen Bruch. Vielmehr prägten personelle und stilistische Kontinuitäten – sowohl zum Nationalsozialismus als auch zu den Reformideen der 1920er Jahre – das Bauen der frühen Nachkriegszeit.
Im Zentrum der Vorlesung steht die Analyse der maßgeblichen Leitbilder und Bauaufgaben dieser Jahrzehnte in Ost- und Westdeutschland. Wir untersuchen im direkten Vergleich, wie die beiden politischen Systeme Materialien und Konstruktionsweisen nutzten, um ihre jeweiligen Vorstellungen von Staatlichkeit, Bildung und gesellschaftlichem Leben zu artikulieren. Konkreter formuliert: Wie will eine Gesellschaft nach 1945 leben, sich präsentieren und wie ist dies architektonisch zu formulieren? Das Spektrum reicht dabei vom skulpturalen Betonbau und der „organischen“ Moderne über den sozialistischen Klassizismus bis hin zur technoiden Ästhetik und dem industriellen Wohnungsbau der 1970er Jahre. Während Deutschland den räumlichen Schwerpunkt bildet, wird der Blick durch Verweise auf die USA und die ehem. UdSSR sowie auf unterschiedliche Konzepte der Aufbauplanung in europäischen Nachbarländern wie Frankreich und den Niederlanden geweitet.
Zu erörtern sein wird auch die aktuelle, kontroverse Auseinandersetzung mit diesem Erbe. Wir befinden uns an einem neuralgischen Punkt der Akzeptanz, an dem sich Fragen des Denkmalschutzes und der energetischen Sanierung mit dem Phänomen der Architekturrekonstruktion kreuzen. Am Beispiel der Debatten um den Berliner Palast der Republik und das Humboldtforum oder auch die Frankfurter Altstadt, die auf dem Areal des abgerissenen Technischen Rathauses entstand, wird diskutiert, wie Nachkriegsmoderne und Rekonstruktionswille als komplementäre Phänomene einer gesellschaftlichen Identitätssuche zu verstehen sind.
Themenspezifische Literaturhinweise folgen in den Einzelsitzungen.
Termingruppe 1
31321800 FG Kunstgeschichte der Moderne mit Schwerpunkt Wissenskulturen/Institutionsgeschichte/Kunstgeschichte
Wittmann-Englert, Kerstin
Di. 14.04 - 14.07.26, wöchentlich, 18:00 - 20:00
Charlottenburg, H 0107
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